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Umfrage: Deutsche sparen mehr als vor der Corona-Krise

Deutschland wird laut einer aktuellen Umfrage seinem Titel als Sparweltmeister auch in der Krise gerecht: Demnach bilden heute mehr Menschen Rücklagen als vor Ausbruch des Coronavirus. Aktuell legten 77 Prozent der Deutschen Geld zur Seite, im Vergleich zu 74 Prozent im Juli 2019, zeigt eine Befragung des Meinungsforschungsinstituts Kantar im Auftrag der Postbank. Der hohe Anteil der Sparer überrasche, da jeder fünfte Befragte (21 Prozent) angebe, infolge der Corona-Krise von Einkommenskürzungen betroffen zu sein. 14 Prozent stufen den Angaben zufolge diese Einbußen als leicht ein, vier Prozent als erheblich und knapp drei Prozent als existenzbedrohend. „Die finanziellen Verluste ziehen sich quer durch alle Bevölkerungsschichten“, erläutert Karsten Rusch, Experte für Wertpapieranlagen bei der Postbank. „Weder das Haushaltsnettoeinkommen noch der Bildungsabschluss haben einen Einfluss darauf, ob Befragte aktuell über weniger Einkommen verfügen oder nicht. Allerdings beeinflussen diese Merkmale das momentane Spar- und Anlageverhalten.“

19 Prozent aller Deutschen haben laut Umfrage das Sparen angesichts der Corona-Pandemie eingeschränkt: Acht Prozent legen demnach kein Geld mehr zurück und zehrten gleichzeitig sogar ihre Ersparnisse auf, fünf Prozent bildeten gar keine Rücklagen mehr und weitere fünf Prozent weniger als vor der Krise. Erstaunlich: Elf Prozent der Befragten sparten heute sogar mehr. Dies betreffe vor allem die junge Generation zwischen 16 und 29 Jahren. In dieser ohnehin schon sparfreudigen Altersklasse lege knapp jeder Sechste (18 Prozent) mehr Geld beiseite als vor der Corona-Krise. „Durch die Einschränkungen der vergangenen Wochen – geschlossene Restaurants und stornierte Urlaube – haben viele Menschen weniger ausgegeben. Diese freien Mittel werden nun genutzt, um sich ein zusätzliches finanzielles Polster anzulegen“, erklärt Rusch.

Jeder Siebte (14 Prozent) mit einem Haushaltsnettoeinkommen von 2.500 Euro und höher lege heute mehr Kapital beiseite als vor der Corona-Krise, heißt es weiter. Unter den Befragten, denen monatlich weniger Geld zur Verfügung stehe, spart demnach nur jeder Zehnte (10 Prozent) mehr als vor der Pandemie. Personen mit einem vergleichsweise geringen Einkommen stellten sogar überdurchschnittlich häufig das Sparen ein: Jeder siebte Befragte (15,4 Prozent) mit einem Haushaltsnettoeinkommen von unter 2.500 Euro greife augenblicklich seine Ersparnisse an; von den Befragten, in deren Haushalt weniger als 1.500 Euro zur Verfügung stünden, betrifft dies laut Umfrage bereits jeden Vierten (24 Prozent).

Finanziell Bessergestellte können Einbußen besser abfedern

Menschen mit einem Einkommen von 2.500 Euro und mehr müssten dagegen derzeit nicht von ihren Ersparnissen leben – lediglich zwei Prozent geben demzufolge an, dass sie aufgrund der Krise gezwungen seien ihre Reserven anzugreifen. „Zwar trifft die Krise sämtliche Bevölkerungsschichten, finanziell Bessergestellte sind allerdings eher in der Lage, Einbußen abzufedern und Verluste auszugleichen“, sagt Rausch. „Wer wenig Geld zum Sparen zur Verfügung hat, dem fehlen die finanziellen Reserven, um Geld langfristig etwa in Wertpapieren anzulegen.“ Chancen, die durch Kursschwankungen an der Börse entstünden, könnten so nicht wahrgenommen werden. „Gleichzeitig verlieren die Ersparnisse auf dem Giro- oder Sparkonto durch die Inflation kontinuierlich an Wert, was den finanziellen Spielraum noch weiter verkleinert“, so Rausch.

Das Anleihenprogramm der Europäischen Zentralbank (EZB) hat deutschen Sparern offenbar nicht geschadet. Die Vermögensbildung habe sich in Deutschland zur Zeit des PSPP (Public Sector Purchase Programme) besser entwickelt als in anderen Ländern des Euroraums, heißt es in einer aktuellen Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln. Das liege vor allem an der geringen Arbeitslosigkeit in der Bundesrepublik, teilte das IW am Dienstag mit. Die meisten Sparer bauten demnach ihr Vermögen nicht über Zinsen auf, sondern über ihr Arbeitseinkommen. Für die Vermögensbildung sei daher eine gesunde Konjunktur wichtiger als ein hoher Zins. „Während das PSPP lief, stieg das Geldvermögen der privaten Haushalte in Deutschland im Jahresschnitt um 4,3 Prozent – trotz Niedrigzinsen. Vor der Finanzkrise, von Anfang 2004 bis Mitte 2008, stieg das Vermögen dagegen nur um 3,7 Prozent“, so die Fachleute.

Die Geldvermögensbildung der Sparer in Deutschland zeige sich trotz Niedrigzinsphase robust, so die Studie. „Zwar sinken die Zinseinkommen der Haushalte tendenziell mit sinkenden Zinsen auf Bankeinlagen. Doch können nicht nur steigende Aktienkurse dies kompensieren, sondern auch die hohe Beschäftigung“, schreiben die Experten. Denn die Arbeitseinkommen ermöglichten es den Haushalten, Geld zur Seite zu legen und damit finanzielles Vermögen aufzubauen. Dies gelte zwar nicht für alle Sparer, jedoch für den privaten Haushaltssektor als Ganzes. Markus Demary, Studienautor und IW-Experte für Geldpolitik, erklärt. „So lange das Wachstum in Deutschland gut verläuft und die Beschäftigung hoch ist, so lange ist auch in Zeiten von niedrigen Zinsen ein Vermögensaufbau möglich.“ Zumindest in Bezug auf die Ersparnisse sei das PSPP deshalb verhältnismäßig gewesen, erklärt Demary. (ud)

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