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Corona-bedingte Insolvenzwelle bei Firmen: DIW für europäische Einlagensicherung

Über einen gemeinsamen Sicherungsfonds für die Einlagen von Sparern in Europa wird seit Jahren kontrovers diskutiert. Diese dritte Säule der europäischen Bankenunion harrt noch ihrer Umsetzung. Laut einer aktuellen Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) bringt das Fehlen einer europäischen Einlagensicherung (EDIS) im Zuge der wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Pandemie in Deutschland womöglich große Nachteile mit sich: „Sollte es durch eine Insolvenzwelle bei Unternehmen zu Kreditausfällen in größerem Ausmaß kommen, wäre die nationale Einlagensicherung möglicherweise bald überfordert“, teilte das DIW am Mittwoch mit. Selbst wenn der Fiskus einspringe und alle Einlagen sichere, sei die EDIS im untersuchten Szenario im Vergleich die bessere Variante, hieß es. Mit ihr würde der private Konsum um 20 Prozent weniger und die Kreditvergabe um rund 10 Prozent weniger stark sinken als im Fall einer staatlichen Rettung, die zudem die Staatsverschuldung in die Höhe treibe, so die Studienautoren.

Ein Kompromissvorschlag von Bundesfinanzminister Olaf Scholz zu EDIS sieht laut dem DIW vor, ein europäisches Rückversicherungssystem zu installieren, das neben den jeweiligen nationalen Einlagensicherungsfonds existiere und erst dann einspringe, wenn diese ausgeschöpft seien. Das entspreche zumindest zunächst nur dem ersten Schritt des ursprünglichen Plans, der letztlich eine vollständige Eingliederung der nationalen Systeme in ein europäisches System beinhaltet habe.

Zwei weitere Szenarien

In ihrer Studie stellten die Autoren den Angaben zufolge diesem EDIS-Kompromissvorschlag zwei weitere Szenarien gegenüber: In einem ohne EDIS würde der jeweilige Staat einspringen und die Bankeinlagen retten, wenn die entsprechenden nationalen Einlagensicherungsfonds erschöpft seien. In einem weiteren Szenario gebe es gar keine Absicherung über die nationalen Fonds hinaus – weder vom Staat, noch durch ein europäisches System. Für diese drei Szenarien berechneten die Autoren demnach die Auswirkungen von Kredit- und Einlagenausfällen in Höhe von – in Anlehnung an jüngste Schätzungen – insgesamt 6 Prozent über ein Jahr, die infolge einer Insolvenzwelle bei Unternehmen entstünden. Unter die Lupe nahmen sie laut der Untersuchung dabei diverse makroökonomische Kennzahlen, etwa das Bruttoinlandsprodukt, den Konsum der privaten Haushalte, die Kreditvergabe und die Staatsverschuldung.

Das Ergebnis: Im Szenario mit europäischer Einlagensicherung sinke der private Konsum zwar ebenfalls, aber um 20 Prozent weniger stark als im Fall, in dem der Staat einspringe. Im Vergleich zum Zeitpunkt vor den Kredit- und Einlagenausfällen entspreche die Konsumreduktion infolge des höheren Ausfallrisikos demnach 0,4 statt 0,5 Prozent. Der Rückgang der Kreditvergabe an Unternehmen könne mit EDIS um immerhin 10 Prozent gedämpft werden und entspreche etwa 1,2 Prozent. Ein markanter Effekt zeige sich bei der Staatsschuldenquote: Im Falle einer Rettung durch den Fiskus steigt diese laut der Untersuchung im Vorkrisenvergleich um bis zu 2 Prozent, während sie bei einer Absicherung durch die europäische Einlagensicherung kurzfristig sogar sinke, hieß es. Stets die schlechteste aller Möglichkeiten sei es, die Sparer im Stich zu lassen. In diesem Szenario, wenn weder der Staat noch EDIS einspringen würden, seien die Kosten am größten.

Die Studienergebnisse sprechen den Verfassern zufolge für eine zügige Einführung einer europäischen Einlagensicherung – zumal allein schon aufgrund der in der Corona-Krise vorübergehend ausgesetzten Insolvenzmeldepflicht im Herbst mit einem deutlichen Anstieg der Unternehmensinsolvenzen zu rechnen sei. In Deutschland dürften vor allem kleine und mittelständische Firmen betroffen sein. In der Folge könnten unter anderem bei Sparkassen und Volksbanken, die mit solchen Unternehmen einen Großteil ihres Geschäfts machten, Kredite wackeln, hieß es. (ud)

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