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Mögliche Alternativen zum Zahlungsstandard Swift: Russland könnte vom Ausschluss profitieren

Die westlichen Regierungen haben den Druck auf Russland in der Ukraine-Krise deutlich erhöht: Die Europäische Union (EU), Deutschland und westliche Verbündete beschlossen einen Ausschluss russischer Finanzinstitute aus dem Swift-System (Society for Worldwide Interbank Financial Telecommunication). Swift sei das wichtigste sichere Nachrichtensystem, das Banken für schnelle und sichere grenzüberschreitende Zahlungen in mehr als 200 Ländern nutzten, teilte PPOOL media – communications mit. Diese Maßnahme werde es dem Land erschweren, Geschäfte abzuschließen. Sie bedeute, dass einfache Transaktionen stattdessen direkt zwischen Banken oder konkurrierenden Systemen abgewickelt werden müssten, was kostspieliger und zeitaufwendiger sei, hieß es.

Professor Barbara Casu, Professorin für Bank- und Finanzwesen und Direktorin des Centre for Banking Research, sei der Meinung, dass ein Deplatforming Russlands zwar keine Auswirkungen auf das inländische Zahlungssystem haben werde, aber internationale Unternehmen und Lieferketten sowie alle Geschäfte, die derzeit mit ihnen abgewickelt wurden, beeinträchtigen könne. „Es ist wichtig zu wissen, dass Swift lediglich ein sicheres Nachrichtensystem ist. Es wickelt keine Zahlungen ab und hält oder transferiert keine Gelder, sondern ermöglicht sichere Nachrichten im Zusammenhang mit Zahlungen zwischen seinen Mitgliedern. Die tatsächlichen Zahlungen werden von den Banken abgewickelt, nicht von Swift.“

Je enger die wirtschaftlichen Beziehungen eines Landes zu Russland seien, desto größer sei die Belastung dieser Maßnahme für die heimische Wirtschaft, so Casu weiter. Daher werde dieser Schritt als sehr bedeutsam angesehen, „da die Folgen nicht nur die russische Wirtschaft betreffen werden, sondern alle Volkswirtschaften, die von russischen Exporten abhängig sind, zum Beispiel in Bezug auf die Energieversorgung."

Bumerang-Effekt zum Nachteil des US-Dollars
Dr. Andrea Baronchelli, außerordentlicher Professor an der City University of London und Leiter des Themas Token Economy am Alan Turing Institute, sei der Meinung, dass das Deplatforming Russlands langfristig einen Bumerang-Effekt zum Nachteil des US-Dollars haben könne: „Ein solcher Schritt wird China, Russland und andere nicht-westliche Länder dazu veranlassen, ihre Bemühungen um den Aufbau alternativer Zahlungssysteme zu beschleunigen, die ihre strategischen Interessen schützen würden. Dies ist das erste Mal, dass wir die geopolitischen Auswirkungen digitaler Währungen (wie z.B. digitale Zentralbankwährungen) und im weiteren Sinne der Blockchain-Technologie sehen, die heute zum ersten Mal in der Geschichte alternative digitale Zahlungssysteme realisierbar machen.“ Die Ausschaltung Russlands könne zu einer geringeren globalen Abhängigkeit vom US-zentrierten internationalen Währungssystem führen und schließlich sogar die Position des US-Dollars als Weltreservewährung gefährden, so Baronchelli.

Professor Casu stimmt den Angaben zufolge Dr. Baronchelli zu: „China hat eine alternative Messaging-Infrastruktur zu Swift (Cips) entwickelt, die den Prozess der Entdollarisierung des internationalen grenzüberschreitenden Zahlungsverkehrs beschleunigen könnte. Weitere unbeabsichtigte Folgen könnten sich aus der Verwendung von Kryptowährungen zur Umgehung möglicher Sanktionen ergeben."

Der Präsident des Bundesverbands deutscher Banken (BdB) und Vorstandschef der Deutschen Bank, Christian Sewing, sieht nach dem Swift-Ausschluss Russlands einem Medienbericht zufolge nur geringe Gefahren für den Finanzmarkt. Die deutschen Kreditinstitute hätten seit 2014 ihr Engagement in Russland deutlich reduziert. Für das Bankensystem insgesamt sei das Risiko daher überschaubar. Die Sicherheitspuffer der europäischen Banken seien höher denn je, betonte Sewing. Der Swift-Ausschluss Russlands werde den Krieg in der Ukraine allerdings nicht beenden. Es gehe darum, dass völkerrechtswidrige Aggressionen und der Überfall eines Staats im 21. Jahrhundert nicht folgenlos bleiben dürften, hieß es.

Die Deutsche Bank richtete derweil ein Informationsportal für Unternehmenskunden ein, das sich mit den wirtschaftlichen Folgen des russischen Angriffs auf die Ukraine beschäftigt. Die Website biete erste Informationen zu vielen Fragen, die sich insbesondere für international tätige Unternehmen nun stellen würden, teilte das Frankfurter Geldhaus mit: „Die vergangenen Tage haben unsere Sicht auf die Welt und unser Gefühl für globale Sicherheit auf den Kopf gestellt“, sagte Stefan Hoops, Leiter Unternehmensbank bei der Deutschen Bank: „Der Angriff Russlands auf die Ukraine hat auch schwerwiegende wirtschaftliche Folgen und Auswirkungen auf unsere Kunden. Gerade jetzt wollen wir deshalb Unternehmen zur Seite stehen – mit kompetenter Beratung und praktischen Informationen.“

Sberbank Europe AG wird Fortführung des Geschäftsbetriebs untersagt
Mit Blick auf die geopolitischen Spannungen infolge des Angriffs Russlands auf die Ukraine untersagte das Single Resolution Board (SRB) der Sberbank Europe AG mit Sitz in Wien am 1. März 2022 mit sofortiger Wirkung die Fortführung des Geschäftsbetriebs. Damit sei ein Sicherungsfall im Sinne des österreichischen Einlagensicherungs- und Anlegerentschädigungsgesetzes (ESAEG) eingetreten, teilte der Bundesverband deutscher Banken e.V. (BdB) mit. Kundenguthaben seien bis zu 100.000 Euro pro Person durch die Einlagensicherung AUSTRIA (ESA) gesichert. Die Sberbank Europe AG ist ein in Österreich ansässiges, rechtlich selbständiges Kreditinstitut. Eigentümer ist zu 100 Prozent die Sberbank of Russia.

In Deutschland sei die Sberbank Europe über eine rechtlich unselbständige Zweigniederlassung tätig und trete dort unter der Handelsmarke Sberbank Direct auf. Einlagen bei der Sberbank Direct sind demnach somit Einlagen der Sberbank Europe AG. Rund 35.000 Kunden hielten bei der Sberbank Europe AG Einlagen in Höhe von 1 Mrd. Euro. Davon seien 913 Mo. Euro von der ESA gesichert, hieß es.

Die Kunden stammen den Angaben zufolge fast ausschließlich aus Deutschland und würden über die deutsche Filiale der Sberbank Europe AG geführt. Die operative Abwicklung des Entschädigungsverfahrens übernehme daher aufgrund internationaler Abkommen die Entschädigungseinrichtung deutscher Banken GmbH (EdB) im Auftrag und auf Rechnung der ESA. EdB und ESA stünden diesbezüglich im engen Kontakt. Die EdB werde sich im Namen der ESA in Kürze mit den Einlegern in Verbindung setzen, um die Entschädigung vorzunehmen. Kunden müssten nicht selbst aktiv werden, hieß es.

Neuer Gefahrenherd für die Weltwirtschaft
Mit der Eskalation im Russland-Ukraine-Konflikt manifestiere sich ein neuer Gefahrenherd für die Weltwirtschaft, hieß es in einer Mitteilung im Auftrag von Swisscanto Invest (D & A). Wirtschaftlich gesehen seien die beiden Volkswirtschaften unbedeutend, machten sie doch nicht einmal 2 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung aus. „Die direkten wirtschaftlichen Folgen für Länder außerhalb Russlands und der Ukraine werden sich deshalb in engen Grenzen halten. Dies gilt auch für die Eurozone, die vom Konflikt stärker betroffen ist als andere Regionen. Selbst Deutschland, welches von den großen europäischen Volkswirtschaften die engsten Handelsbeziehungen mit Russland unterhält, exportiert lediglich 2 Prozent seiner Ausfuhren nach Russland.“

Negative Auswirkungen auf Wachstum und Inflation drohten jedoch durch die wirtschaftlichen Sanktionen und den Anstieg der Energiepreise, insbesondere dann, wenn es zu einer starken und länger anhaltenden Verteuerung von Erdöl und Erdgas komme, hieß es. (ud)

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