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Studien warnen vor neuer Bankenkrise

Es war ein ökonomischer Einschnitt, der die Welt über viele Jahre in Atem hielt: 2007 begann die globale Finanzkrise als Immobilienkrise in den USA. Zahlreiche Länder rutschen in eine schwere Rezession ab. Erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg ging das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) fast aller Industriestaaten gleichzeitig stark zurück. Die Krise steuerte auf ihren Höhepunkt zu, als die US-Großbank Lehman Brothers am 15. September 2008 zusammenbrach. Um das Schlimmste zu verhindern, retteten die Staaten große Finanzdienstleister durch Kapitalerhöhungen. Kreditinstitute wurden verstaatlicht oder zum Teil ganz abgewickelt. Infolge der Rettungsmaßnahmen stieg die Staatsverschuldung vieler Länder deutlich an.

Droht erneut ein derartiges Szenario, diesmal infolge der Corona-Krise? Aktuelle Untersuchungen geben sich pessimistisch. In Deutschland könnten laut einer Studie der Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG) einige Banken in Existenznot geraten, wenn sich die Wirtschaft nur langsam von der Corona-Krise erholen sollte. Zum einen dürfte die zunehmende Zahl fauler Kredite die Geldhäuser belasten. Zum anderen drohe eine Ertragsmisere. Die Autoren prognostizieren Medienberichten zufolge, dass Deutschlands Banken aufgrund der Corona-Krise ein Ertragseinbruch um bis zu vier Prozent drohe. Insbesondere im Privatkundengeschäft erwarten die Experten den Angaben zufolge Probleme, die bis mindestens 2024 anhalten dürften, hieß es.

Auch eine Analyse des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) kommt zu einer negativen Einschätzung: Die Corona-bedingte Wirtschaftskrise könne den deutschen Bankensektor massiv in Mitleidenschaft ziehen, hieß es. Denn bundesweit würden voraussichtlich tausende Firmen ihre Kredite nicht mehr zurückzahlen. Die Kreditausfälle könnten der Studie zufolge Deutschlands Banken so schwer belasten, dass diese selbst in Existenznot geraten. Im optimistischen Szenario, bei dem sich die deutsche Wirtschaft rasch erholt, wären demnach immerhin 6 Prozent und damit dutzende hiesige Geldhäuser gefährdet. Hingegen würden im pessimistischen Szenario einer langen Wirtschaftsflaute bis zu 28 Prozent und damit hunderte Banken in ernste Schwierigkeiten geraten.

Belastung für die Realwirtschaft

„Selbst wenn es für die deutsche Wirtschaft sehr gut läuft, halten wir eine neue Bankenkrise für wahrscheinlich“, erklärte IWH-Präsident Reint Gropp, der die Studie zusammen mit den IWH-Finanzmarktforschern Michael Koetter und William McShane verfasst hatte. „Der Staat hat sich zuletzt verständlicherweise um die Realwirtschaft gekümmert, sollte aber mögliche Gefahren nicht übersehen, die im Finanzsektor lauern.“ Wenn viele Kredite ausfielen und dadurch die Kernkapitalquote der betroffenen Banken unter 6 Prozent falle, würden sie umstrukturiert, mit anderen Instituten verschmolzen oder ganz geschlossen, so die Studie. In jedem Fall wäre es ihnen unmöglich, neue Kredite zu vergeben. Dies könne die ohnehin geschwächte Realwirtschaft zusätzlich stark belasten, betonte Gropp und warnte: „Die Gefahr ist ziemlich hoch, dass eine Bankenkrise eine zweite Rezession auslöst.“

Wann die prognostizierte Bankenkrise beginnt, hänge von mehreren Faktoren ab, so die Analyse. Beispielsweise würden Unternehmen den Zeitpunkt ihrer Zahlungsunfähigkeit hinauszögern, während Banken Problemkredite verschleiern könnten. Vor allem Sparkassen und Genossenschaftsbanken sollten mit Kreditausfällen rechnen: Sie verliehen ihr Geld meist an Firmen, die jetzt doppelt gefährdet seien. Zum einen, weil sie klein und damit generell krisenanfälliger seien als Großunternehmen. Zum anderen weil diese Firmen insbesondere solchen Branchen angehörten, die vom Corona-Lockdown schwer getroffen worden seien, darunter Einzelhandel und Gastgewerbe.

Gropp empfiehlt Bundespolitik und Bankenaufsicht, sich jetzt darauf vorzubereiten, dass sich die Wirtschaftskrise verschärft. Der Staat könne die Banken zu mehr Kernkapital verpflichten oder ihnen dazu verhelfen. Jedoch sollte eine Rettung von Banken mit Steuergeldern ohne systematische Restrukturierung ihres Firmenkreditportfolios ausgeschlossen sein, hieß es. Gropp geht sogar noch einen Schritt weiter: „Wir denken, dass eine Konsolidierung des deutschen Bankenmarkts, auf dem derzeit zu viele Institute um zu geringe Erträge buhlen, mittelfristig die Produktivität steigern und damit die Wirtschaft beleben wird.“ (ud)

Weitere Artikel und Meldungen rund um die Themen Bankpolitik und Bankpraxis finden Sie auf der Webseite www.die-bank.de.

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