Skip to main content

Zahlungsmoral von Unternehmen bricht ein: Die Rechnung bleibt länger liegen

Während sich offenbar viele Unternehmen aufgrund der staatlichen Hilfe zumindest vorerst vor einer Insolvenz retten konnten (siehe vorstehende Meldung „Weniger Insolvenzen im ersten Halbjahr“), lässt die Zahlungsmoral von Unternehmen deutlich zu wünschen übrig. Wie Daten von Crifbürgel auf der Basis von 450.000 analysierten Unternehmen belegen, stieg der durchschnittliche Zahlungsverzug in Deutschland zuletzt auf 34,4 Tage. Im Januar waren es noch 26,4 Tage, was knapp dem durchschnittlichen Zahlungsziel für Gläubiger entspricht.

Die Veränderung setzte kurz nach dem großen Shutdown ein: „Ab Mitte April hat sich das Zahlungsverhalten der Unternehmen dramatisch verschlechtert. Wir beobachten derzeit vermehrt ein liquiditätsschonendes Verhalten seitens der Firmen“, sagt Geschäftsführer Frank Schlein. Bei Nicht- oder Spätzahlern werden Rechnungen derzeit erst nach durchschnittlich 60 Tagen bezahlt – das heißt, Unternehmen müssen doppelt so lange auf ihr Geld warten wie einkalkuliert und werden somit unfreiwillig zum Kreditgeber ihrer Kunden. Dies wiederum belastet vor allem Kleingewerbler und mittelständische Betriebe, bei denen Liquiditätsmangel durch nicht oder zu spät bezahlte Rechnungen als eine der häufigsten Insolvenzursachen gilt. Hinzu kommen erhöhter Verwaltungsaufwand und zusätzliche Kosten; eigene Investments oder Bestellungen sind dann oft nicht mehr möglich. Crifbürgel geht davon aus, dass angesichts der Corona-Krise nach zehn Jahren Rückgang bei den Firmeninsolvenzen 2020 wieder deutlich mehr Unternehmen in Deutschland in die Pleite rutschen werden und rechnet in diesem Jahr mit über 29.000 Firmeninsolvenzen.

Unabhängig vom durchschnittlichen Zahlungsverzug zeigt die Analyse, dass in Deutschland derzeit 11,5 Prozent der Unternehmen Rechnungen nicht oder nur mit Verspätung bezahlen. In Berlin ist die Quote der Nicht- und Spätzahler mit 18,9 Prozent am höchsten, gefolgt von Bremen mit 18,2 Prozent. Am besten ist die Zahlungsmoral derzeit in Thüringen – hier zahlen nur 8,2 Prozent der Unternehmen die Rechnungen nicht pünktlich. Die schlechteste Zahlungsmoral zeigen die Branchen, die derzeit kaum bis keine Einnahmen haben, nämlich die Kultur-, Unterhaltungs- und Freizeitbetriebe. Ihre Gläubiger warten durchschnittlich 62 Tage auf ihr Geld, im Januar waren es noch 32 Tage; bei Rechnungen an Wirte und Restaurants dauert die Begleichung aktuell durchschnittlich 59 (vorher 33) Tage. (kra)

Weitere Artikel und Meldungen rund um die Themen Bankpolitik und Bankpraxis finden Sie auf der Webseite www.die-bank.de.

« Zurück zur Übersicht